Die Hansestadt Buxtehude hat eine lange Geschichte, ist über Jahrhunderte gewachsen und wächst auch noch immer weiter.
Die Entwicklung der historischen Altstadt mit ihren Fachwerkbauten und Kopfsteinpflastern zeugt von dieser Geschichte.
Doch leider birgt diese geschichtsträchtige Stadtentwicklung auch ihre alltäglichen Probleme – vor allem für Menschen, an die man bis vor ca. 60 Jahren noch nicht wirklich gedacht hat: Menschen mit (körperlicher) Beeinträchtigung.
In den Jahren 2015/16 habe ich ein einjähriges Freiwilliges Soziales Jahr in der Lebenshilfe Buxtehude absolviert und ein Jahr lang Menschen mit Beeinträchtigung während ihres Schul- und Arbeitsalltags begleitet und viele alltägliche Problemsituationen erlebt.
Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Zeit war aber die Frage, wie diese Probleme angegangen werden können: gemeinsam mit den Betroffenen, im Gespräch und im Austausch. Mit Ihnen reden, nicht über sie.
Deswegen habe ich mich mit Timon Grafert zu einem Face-Time Interview verabredet, um über die Situation für Menschen mit Beeinträchtigung in Buxtehude zu sprechen.
Ich kenne Timon schon sein ganzes Leben lang. Wie er selbst sagt, hat er bei der der Verteilung bestimmter Krankheitsbilder ein paar Mal zu oft „hier“ gerufen, denn Timon sitzt aufgrund mehrfacher Beeinträchtigungen im Rollstuhl.
Als selbstständig fahrender Rolli-Fahrer (mit Muskelkraft angetrieben, kein E-Rolli) kann er aus erster Hand berichten, wo es Probleme mit der Barrierefreiheit in Buxtehude gibt.
Timon hat lange in der Altstadt gelebt. Hier liegen die ersten Hürden direkt vor der Haustür: Kopfsteinpflaster und erhöhte Bordsteine.
Zwar gibt es Möglichkeiten zur barrierefreien Fahrbahnquerung, aber längst nicht genug und leider auch nicht immer an sinnvollen Stellen.
Vielerorts ist der Fußweg auch zu schmal, um mit dem Rolli darauf fahren zu können, ein Ausweichen auf die Straße ist unvermeidbar und das kann – auch je nach Wetterlage nochmal besonders – gefährlich werden: verhaken sich die kleinen Räder des Rollis zwischen dem Kopfsteinpflaster, kann dieser schnell umkippen.
Die Umsetzung des Verkehrskonzeptes in der Buxtehuder Altstadt muss also hier definitiv die Situation von Menschen mit Beeinträchtigung und insbesondere Rolli-Fahrer*innen berücksichtigen, denn auch wenn wir die Geschichte Buxtehudes erhalten und sichtbar gestalten wollen, muss sie für alle Menschen zugänglich sein, auch für die im Rollstuhl!
Ein ähnliches Problem zeigt sich bei den Lokalen in der Altstadt: mehr oder weniger barrierefreie Zugänge sind zwar grundsätzlich vorhanden, nicht jedoch die sanitären Einrichtungen. Hier sollte die Stadt in Zukunft mit den Betreiber*innen und Behindertenbeauftragten der Stadt verstärkt Konzepte ausarbeiten, wie auch in den alten Fachwerkhäusern unserer Altstadt barrierefreie Besuche möglich sind.
Essentiell ist dabei natürlich auch, dass Zugänge zu Ärzten, Apotheken und Einkaufsmöglichkeiten barrierefrei werden, denn dies ist leider noch nicht überall der Fall.
Oftmals mangelt es bereits an automatischen Türen oder es befinden sich kleine Stufen hinter dem Eingangsbereich.
Für Laufende nicht der Rede wert, aber für Rolli-Fahrer*innen bereits ein großes Hindernis.
In Zusammenarbeit mit dem Behindertenbeauftragten der Hansestadt wurde hier schon viel geschafft, daran sollten wir anknüpfen, um unsere Altstadt allen Bürger*innen zugänglich zu machen.
Zugang ist dabei ein gutes Stichwort: der Zugang zur Bahn birgt Hindernisse…
Über die Verlässlichkeit der Fahrstühle am Bahnhof brauchen wir nicht reden, auch darüber, dass Timon trotz der Erhöhung der Bahnsteige zur Einführung der S-Bahn, weiterhin nicht ohne Rampe in die S-Bahn kommt, brauchen wir nicht lange diskutieren, denn was am Bahnhof am meisten die Barrierefreiheit einschränkt liegt auf der Hand: Die Unterführung.
Zwar ermöglicht es die Unterführung überhaupt, dass Menschen im Rollstuhl (oder mit Kinderwagen, Fahrrad, usw.) von einer Seite des Bahnhofs auf die andere kommen (insbesondere wenn der Fahrstuhl mal wieder nicht geht…), mehr aber auch nicht.
Die Steigung ist sowohl bergauf, wie auch bergab fahrend zu steil, bei nassem Untergrund ein Rolli oftmals kaum kontrollierbar, geschweige denn mit Muskelkraft die Steigung zu bewältigen.
Die bloße Möglichkeit den Bahnhof zu unterqueren darf kein Anspruch für eine inklusive Gesellschaft sein, es muss jeder Person im Rollstuhl möglich sein selbstständig, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, von der einen auf die andere Bahnhofseite zu gelangen.
Die Umgestaltung des Bahnhofs MUSS die Barrierefreiheit ins Visier nehmen, das ist unumgänglich.
Und wie Timon auch hier sehr schön auf den Punkt gebracht hat: egal wie optisch ansprechend es ist - kein Kopfsteinpflaster auf der Rampe!
Gerade wenn der Rolli durch die sonstige Umgebung (Steigungswinkel, Gegenverkehr) schwer kontrollierbar ist, erhöht Kopfsteinpflaster das Risiko umzufallen enorm, er spricht da leider aus Erfahrung…
Insgesamt bedürfen die Wege unserer Stadt regelmäßige Kontrollen auf ihre tatsächliche Barrierefreiheit und Befahrbarkeit.
Viele, vor allem geteerte, Wege haben das Problem, dass sie mit der Zeit, ob durch Baumwurzeln oder das Wetter bedingt, aufplatzen und für Rollis nur schwer befahrbar sind – auch für geschobene Rollis.
Timon und ich hatten auch recht schnell ein Beispiel parat: die Apensener Straße.
Aufgrund der Lage ist die Apensener Straße quasi vom Bahnhof bis zum Ortsausgang eine einzige Steigung, von daher für selbstständig fahrende Rolli-Fahrer*innen grundsätzlich sehr anstrengend. Dann kommt die Begebenheit des Weges dazu, gerade um die Berliner Straße ist der Weg uneben, sodass ich während des FSJs manchmal einen Rolli-Sturz nur knapp verhindern konnte.
Timon wünscht sich für solche Wege eine häufigere Kontrolle und regelmäßige Ausbesserung, auch außerhalb etwaiger Sanierungspläne.
Wir überlegten dann gemeinsam, wie man dem Problem begegnen könnte, dass aufgrund der langen Steigung, irgendwann die Arme lahm werden.
Derzeit würde Timon die Bremsen anlegen und versuchen soweit am Rand zu stehen, wie möglich, um kurz mal verschnaufen zu können. „Im Endeffekt stehe ich aber trotzdem mitten im Weg“, fasst er die Situation zusammen. Wir kamen dann auf die Idee, dass es an solchen Wegen sinnvoll wäre, „Ausweichstellen“ einzurichten, in denen Rollifahrer*innen sich kurz ausruhen können, ohne anderen Wege-Nutzer*innen im Weg zu stehen. Auf die Grünflächen auszuweichen ist keine Option, daher muss schon eine befestigte Ausweichfläche geschaffen werden.
Insgesamt also ist die Situation beeinträchtigter Menschen in der Hansestadt Buxtehude grundsätzlich bekannt, dank des Behindertenbeauftragten, doch dieser kann auch nicht überall zugleich sein. Aber es bleibt noch einiges zu tun! Deswegen finde ich es wichtig, mit Betroffenen zu sprechen, die täglich vor Herausforderungen stehen, über die man als nicht beeinträchtigte Person nicht nachdenkt, denn nur so können wir gemeinsam eine inklusive Stadt gestalten. Gemeinsam auf Augenhöhe, miteinander und nicht übereinander.
Ich danke Timon sehr für seine Zeit und dass er mir seine Situation so anschaulich dargelegt hat und möchte mit einem Zitat von ihm enden:
Timon strebt eine Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistenz an, von welcher ihm während eines Praktikums abgeraten wurde, weil er „wegen seiner Beeinträchtigung nicht mit Kindern arbeiten können wird“.
Er ist in einer großen Familie mit einigen Geschwistern aufgewachsen und konnte, solange ich ihn kenne immer schon gut mit Kindern umgehen, deswegen sagt er auch, dass er diese Ausbildung machen möchte, um „Kindern insbesondere mit Beeinträchtigung vorleben zu können, dass man trotz Beeinträchtigung alles erreichen kann, was man möchte.“
Ich wünsche dir alles Gute auf diesem Weg, lieber Timon, wir bleiben in Kontakt!
